Stichwort: Diskussions- und Streitkultur. Oder: über den Mut, einen Arsch in der Hose zu haben

Menschen sind Menschen. Aber nicht alle Menschen ticken gleich. Das wäre auch langweilig, denn würden wir alle gleich ticken, empfinden, handeln und unsere Emotionen ausdrücken, so würden wir uns nicht von Computern unterscheiden, deren Bedienungsprocedere einheitlich ist und deren Eingabebefehle weltweit zum gleichen Ergebnis führen: völlig emotionslos und ohne jeden Widerspruch. Kalt, beliebig und austauschbar.

Über den gefühlten Untergang einer ehrlichen, anständigen Diskussions- und Streitkultur.

Wäre ich ein Computer, so hätte ich vermutlich einen irreparablen Schaden am Mainboard. Dieser Schaden wäre zwar reproduzierbar, allerdings würde jeder versierte Computerexperte davon abraten, mich zu reparieren. Und das völlig zurecht: mit 51 Lebensjahren quasi ein Dino mit uraltem Mainboard, das wird in dieser Form heute nicht mehr hergestellt – Technik hoffnungslos überaltert. Ersatz ist billig, weniger aufwändig in der Wartung und nicht ansatzweise so kompliziert programmiert. Einen Stoßseufzer würde der Computerexperte dennoch ausstoßen und so etwas wie „schau mal: die Aussenwände waren damals noch dick und hielten was aus!“ oder gar „noch ohne Sollbruchstellen, siehste?“ von sich geben.

„Jaja, früher war alles besser. Immer!“

Eine alte Weisheit, die als Totschlagargument darauf abzielt, Vergangenes in der Retroperspektive stets ein wenig zu glorifizieren, da es erledigt, abgehakt und somit unwiederbringlich ist. Geschichte. Und auf alte Geschichten schaut man in der Regel versöhnlich zurück, da man sich das Positive bewahrt und das Negative verdrängt hat.

Und dennoch, Hand aufs Herz: wer erinnert sich nicht gerne an die „guten, alten Zeiten“ zurück? Ich tue das gerade. Und schwelge in Erinnerungen: das Internet als Errungenschaft gefeiert, ein wahnsinniger Hype, AOL als Anbieter kostete 3,63 Mark / Stunde und während der Online-Session war die Telefonleitung besetzt. Aufgrund dieser Tatsachen alleine tauschte man sich kurz, prägnant und knackig aus und schaffte es allen Ernstes, Diskussionen zielführend und sachlich abzuhandeln. Zeit war Geld.

Es steht völlig ausser Frage, dass es auch damals Trolle gab. Und natürlich auch Streithähne, die einfach nur provozieren und jede bis dato interessant und sachlich geführte Diskussion verwässern wollten. Und auch damals war das Geschrei groß und führte zu unsäglichen Auswüchsen. Aber: prozentual gesehen war sowas ehr die Ausnahme, denn es war stets die Symbiose zwischen virtueller und realer Welt: man traf sich nämlich, initiiert von der jeweiligen Plattform, tatsächlich zu realen Chattertreffen. Heute kaum noch vorstellbar, aber das waren wahre Events – und spätestens hier entpuppten sich dann die virtuellen Großmäuler allzu häufig als unsichere Nervenbündel, die beim realen Blick in die Augen am liebsten weggelaufen wären. Der Form halber: nein, solche Situationen wurden nicht ausgenutzt, stattdessen hat man diese Spezies in die Mitte genommen und miteinander geredet. Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch. Und, zack, mutierte Mr. „Ich hau euch alle um!“ zu einem netten Mitglied der Gemeinschaft. Andere hingegen flüchteten aus solchen Situationen, verteufelten diese blöden Treffen und suchten sich die nächste Community, in der sie ob dieser realen Erfahrung erbost als virtuelle Bad Boys ihr Seelenheil suchten.  Sorry, ich schweife ab.

Warum diskutieren wir überhaupt?

Weil wir uns austauschen wollen. Weil wir unsere Meinung zu einem Thema kundtun wollen. Weil wir zustimmen oder widersprechen wollen. Niemand zwingt uns dazu, aber wir sehen uns einfach dazu veranlasst. Weil das Herz es befiehlt oder uns langweilig ist. Wir reagieren, wir handeln. Aus eigenem Antrieb, aus Überzeugung. Nicht etwa, weil wir dafür bezahlt oder gar gezwungen werden. Nur, weil wir es höchsteigen für geboten halten.

Argumente, Gegenargumente, Konsens?

Was zum Henker erwarten Diskussionsteilnehmer eigentlich nach dem Posten eines Kommentars? Das dieser stillschweigend gelesen aber unkommentiert bleibt? Ehr nicht. In der Regel erwartet man doch eine Reaktion, eine Zustimmung wäre doch toll. Nachfragen? Okay, dann wird präzisiert, ergänzt, umformuliert. Erfolgt auf den eigenen Kommentar ein Gegenargument, sprich: es wird widersprochen, so entwickelt sich daraus bestenfalls eine für alle Diskussionsteilnehmer wertvolle Diskussion, die dem einen oder anderen den Blick über den Tellerrand erlaubt, den Horizont erweitert und vielleicht gar zu einer Meinungsänderung bewegt. Schlimmstenfalls führt eine kontrover geführte Diskussion zu persönlichen Befindlichkeiten der Diskutanten mit dem Ergebnis, dass das eigentliche Thema in den Hintergrund rückt und sich die Konrahenten in einen unsäglichen, persönlichen Schlagabtausch gegenseitig aufplustern, sich persönlich angegriffen fühlen und der irrigen Ansicht sind, andere Diskussionsteilnehmer könnten auch nur im Entferntesten ein gleichwie geartetes Interesse an solchen Entgleisungen haben.

Unterschiedliche Ansichten müssen nicht zwingend zu einem Konsens führen. Dennoch sind sie das, was eine Diskussion bunt, interessant, spannend machen. Müssen sich eigentlich immer alle lieb haben und sich letztlich emotionsgeschwängert vor lauter Ergriffenheit in den virtuellen Armen liegen? Mitnichten! Und warum nicht? Weil jeder Mensch höchsteigene Gedanken, Meinungen und Ansichten hat und viele Diskussionsthemen einfach nicht so simpel auf einen einfachen Nenner herunterzubrechen sind. Zumindestens dann nicht, wenn es thematisch in die Tiefe ging.

Diskussionskultur?

Eigentlich könnte es so einfach sein. Zu einem Ursprungsthema schreibt man seine Meinung: kurz, knapp, knackig. Wird diese Meinung hinterfragt, so antwortet man darauf ebenfalls kurz, knapp, knackig. Würde sich jeder Diskussionsteilnehmer an diese simple Regel halten, so könnte man schon fast von einer Diskussionskultur sprechen. Die Realität sieht aber leider allzu häufig anders aus, denn allzu häufig werden Kommentare nicht mehr gelesen, sondern nur noch überflogen, um sich aus den herausgepickten „Schlüsselwörtern“ binnen Sekunden ein Fazit des Beitrages zu bilden. Respektlos, wie ich finde. Insbesondere, wenn man dann auch noch klar formulierte Äusserungen hinterfragt, obwohl sich die Beantwortung der Frage beim Lesen des Beitrages zweifelsfrei ergeben hätte.

Streitkultur?

Ach du Schande! Streit und Kultur in einem Wort? Selbstverständlich! „Streit“ ist leider viel zu negativ behaftet, rein von der Begrifflichkeit her: Streit ist schlecht, Streit ist böse, Streit ist kontraproduktiv, Streit ist einfach negativ. Völliger Blödsinn, wie ich finde. Allerdings nur dann, wenn man in der Lage ist, eine Streitkultur an den Tag zu legen. Streit ist für mich nichts anderes als das offene Austragen von Meinungsverschiedenheiten. Und das kann durchaus konstruktiv und zielführend sein. Dann nämlich, wenn die Streitenden faktisch beim Thema bleiben und ausschließlich über die Sache streiten. Und, ob man es nun glauben mag, oder nicht: es ist tatsächlich möglich und tut nicht weh, in der Sache zu streiten und sich dennoch auf der menschlichen Ebene zu respektieren und hier deutlich zu trennen.

Klartext, bitte!

Unter uns: es ist relativ einfach, mich auf die Palme zu bringen. Ich werde nämlich immer dann ungehalten, wenn man um den heißen Brei herum redet. Das macht mich irre. Anstatt also in blumigen Worten unter dem Strich einen Hauch von Nichts zu formulieren und somit Raum für Spekulationen zu lassen verzehre ich mich für klare, deutliche Worte. So schwer ist das nicht, wenn man einmal über seinen Schatten gesprungen ist! Wenn man Klartext spricht ist die Gefahr, missverstanden zu werden, ungleich kleiner. Und Klartext sprechen bedeutet mitnichten, jemandem kalt und frei jeder Emotionen zu begegnen. Klartext ist aber stets unverfälscht, ehrlich und verdammt anständig.